GossipGossip
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April 2026

Gossip

Als ich eines Tages auf der Strasse eine kleine Kiste mit der Aufschrift ‹GRATIS› mitnahm, konnte ich noch nicht ahnen, was alles aus deren Inhalt alles würde.
In der Kiste war eine gute Menge Briefmarken. Als Kind habe ich fleissig gesammelt und liebte es, im Briefmarkenkatalog von Zumstein zu stöbern, immer in der Hoffnung, doch noch ein wertvolles Stück zu finden – vergeblich. Mein erster Gedanke als Schriftkünstler war natürlich: Warum nicht mit Briefmarken schreiben? Als ich die Fundstücke auf dem Tisch ausbreitete, fand ich es allerdings vorerst interessanter, sie nach Farbe zu sortieren. Mit diesem archaischen Instinkt war der Grundstein für die erste Komposition gelegt. Ich besorgte ein schönes, grossformatiges Büttenpapier und begann damit, die Briefmarken zu kleben.
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Ich taufte das Werk auf den Namen ‹Gossip›. Mir gefiel der Gedanke, dass jede dieser Marken in irgendeiner Form dazu beitrug, Mitteilungen, Geburtstagsgrüsse, Liebesbotschaften, wichtige Korrespondenz oder vielleicht auch Klatsch und Tratsch, Gerüchte zu verbreiten. Das Bild besteht aus ca. 400 gestempelten Schweizer Briefmarken, mehrheitlich aus den 60ern. Die strahlenden Farbverläufe, die am besten mit etwas Abstand vom Bild erkennbar sind, wirken erstaunlich modern. Das setzt einen spannenden Kontrast zu den in die Jahre gekommenen Briefmarken und haucht ihnen ein zweites Leben ein.
‹Gossip›, 2024, 57 × 77 cm | Verkauft
Frutiger
Der Schriftzug ist Bestandteil des Werks und ist in der ‹Frutiger Neue› gesetzt, die speziell für die Post als Hausschrift entwickelt wurde, als Ableger der wunderbar zeitlosen und omnipräsenten ‹Frutiger› von Adrian Frutiger. Als ich die Kunstsammlung der Post anschrieb und fragte, ob sie Interesse hätten an dem Werk, hatte ich keinen Erfolg. Aber immerhin veröffentlichte das Briefmarkenmagazin der Post, ‹Die Lupe›, einen kurzen Artikel über das Bild, zusammen mit anderen Kunstschaffenden die auch Briefmarken-Kunst machen.
Artikel zum Bild
Als ich das Bild auf Social Media zeigte, fand sich dann doch noch ein Käufer und ich bekam darüber hinaus zwei weitere Aufträge für Briefmarkenbilder.
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‹Gossip № 2›, 2025, 40 × 60 cm, Auftragsarbeit | Die Farbverläufe sind etwas dezenter ausgefallen als bei ‹Gossip› – ich hatte aufgrund der gewünschten spezifischen Jahrgänge der Briefmarken weniger Auswahl zur Verfügung. Ein weiterer Unterschied: Das Bild ist randabfallend geschnitten während beim ersten die Briefmarken selbst den Rahmen bilden.
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‹Antoniu›, 2026, 40 × 60 cm, Auftragsarbeit | Das Bild war ein Geburtstagsgeschenk. Ich verwendete ausschliesslich Marken aus dem Geburtsjahr 1977. Dafür bestellte ich ganze Jahressätze aus allen möglichen Ländern. Die Buchstaben und Zahlen verschwimmen im Gesamtbild, sind aber bei längerer Betrachtung doch noch erkennbar, also fast eine Art Stereogramm.
Briefmarken als Pixel
Mit dem obigen Bild ‹Antoniu›, näherte ich mich wieder der ursprünglichen Idee, mit den Marken zu schreiben. Allerdings verlor die ganze Kleberei etwas ihren Reiz und wurde repetitiv mit dem Konzept der Farbverläufe. Ich sollte erst wieder neuen Schwung bekommen als ich kontaktiert wurde und mir jemand seine verstaubten Briefmarken-Alben aus dem Keller überliess. Es waren sorgfältig zusammengestellte Themenbände, darunter ein Band zu den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles. Ausserdem ergab sich ein neuer Ansatz für die Schrift: Von nun behandelte ich die Briefmarken wie Pixel in einer Pixelschrift.
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Als Vorlage diente mir die Schrift ‹Lo-Res 9› von Zuzana Licko. Da Briefmarken nicht quadratisch sind, konnte ich das Raster nur ungefähr anwenden und musste in der Anordnung improvisieren.
Eine folgerichtige und interessante Weiterführung des Projekts wäre sicher, ein ganzes daraus Alphabet aus dem Konzept zu entwickeln. Sobald ich neuen Schwung finde, werde ich mich daran machen.
Aktualisiert am 24. April 2026

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